Mi 14. Februar 2024
Ist die Geschichte der elektronischen Musik männlich? Nicht wirklich, obwohl es auf den ersten Blick so aussieht. Viele Frauen waren federführend an der Entwicklung der elektronischen Musik beteiligt. Frauen gründeten Studios, entwickelten Sounds und konzipierten Geräte zur Verwirklichung ihrer Ideen.
Die elektronischen Tonstudios der 1950er-Jahre beschäftigten sich mit Klangforschung. Dort wurde die Basis für den späteren Siegeszug der Synthesizer auf Bühnen und in Aufnahmestudios gelegt. Zu den Anfängen der elektroakustischen Musik in den frühen europäischen Studios werden meist – und zu Recht – die Komponisten und Klangerfinder Karlheinz Stockhausen (Köln), Pierre Schaeffer, Pierre Henry (Paris) oder Luciano Berio (Mailand) genannt. Das elektronische Studio des WDR in Köln, wo Stockhausen arbeitete, wurde auf der ganzen Welt zum Vorbild für Studios dieser Art.

Es gab allerdings auch Pionierinnen in der frühen elektronischen Musik. Neben der, mit ihrem bahnbrechenden Album „Switched-On Bach“, berühmt gewordenen Wendy Carlos gab es eine gar nicht geringe Anzahl von Frauen in der elektronischen Musik. Sie komponierten, gründeten Studios, erfanden Instrumente und sie setzten sich über Genregrenzen hinweg. Sie komponierten Klangbilder für Hörspiele, Film und Fernsehen, Konzertwerke und Werbespots. Sie erfanden Musiksoftware oder erforschten Verbindungen von Musik und Bild über elektrooptische Wege.


Wendy Carlos (* 1939): Wendy Carlos (* 1939)
Wendy Carlos (* 1939)
In den Klangstudios der Pionierzeiten des elektronischen Zeitalters in der Musikproduktion strahlen die Männer Autorität aus. Es geht um ernste, schwer zugängliche Musik. Es geht um visionäre Ideen, Erfindergeist und technische Kompetenz. An der Arbeit sind Männer in Anzügen oder grauen Labormänteln. Frauen findet man auf diesen Bildern eher selten. Und wenn doch, dann bleiben sie assistierend im Hintergrund. Ihre Namen fanden kaum Erwähnung in der musikhistorischen Literatur und ihre Stücke waren selten in Konzert- und Festivalprogrammen zu hören. Doch es gab und gibt sie, die Pionierinnen der elektronischen Musik, die ebenso wie ihre männlichen Kollegen großen Erfindergeist hatten, spannende Musik komponierten und neue Instrumente erfanden – auch wenn sie erst viel später dafür honoriert wurden. In den 1950er- und 1960er-Jahren wurden bis auf wenige Ausnahmen jene Frauen, die in den Studios arbeiteten und komponierten, in der Regel nicht ernst genommen. Sie hatten wenig Zugang zu Studioequipment und konnten ihre eigenen kompositorischen und technischen Ideen selten umsetzen. So manches Stück wurde nachts produziert, wenn niemand sonst das Studio nutzte.

Auch heute sind Frauen und nicht-binäre Personen in der elektronischen Musik noch weit in der Unterzahl, werden weniger unterstützt und weit weniger gespielt. Aber es bewegt sich etwas, immer mehr Konzertreihen und Festivals, wie etwa das „Heroines of Sound“ in Berlin, widmen sich den aktuellen Künstler_innen sowie den Pionier_innen der elektronischen Musik.

Die „Music Lounge“ im Museum befasst sich mit elektronischer Musik und stellt eine Reihe von Pionierinnen vor: Die „Music Lounge“ im Museum befasst sich mit elektronischer Musik und stellt eine Reihe von Pionierinnen vor
Die „Music Lounge“ im Museum befasst sich mit elektronischer Musik und stellt eine Reihe von Pionierinnen vor
Es werden Artikel und Bücher geschrieben, Fernseh- und Radiobeiträge produziert und Ausstellungen kuratiert, die dem Missstand entgegenwirken wollen und die den Geschichten dieser Frauen gewidmet sind. Auf einige Pionierinnen und ihre Werke trifft man in der Ausstellung zu elektronischen Musikinstrumenten im Technischen Museum Wien, einige seien auch hier vorgestellt:

Johanna Magdalena Beyer (1888–1944) war in Deutschland und den USA als Komponistin und Pianistin tätig. Obwohl ihre Musik weder zu Lebzeiten noch in den Jahrzehnten nach ihrem Tod größere Aufmerksamkeit erhielt, gehören ihre Kompositionen zu den experimentellsten Werken, die in den 1930er-Jahren entstanden sind. „Music of the Spheres“ (1938) ist möglicherweise die erste elektroakustische Komposition einer Frau. Ihre Werke nehmen Entwicklungen der minimal music der 1960er-Jahre vorweg. Auch die Theremin-Virtuosin Clara Rockmore (1911–1998), geboren im litauischen Vilnius, ist als Pionierin der elektronischen Musik zu sehen. Sie arbeitete eng mit Leon Termen, dem Erfinder des Theremins, zusammen und wirkte auch auf die Entwicklung dieses Instrumentes ein – etwa, indem die Höhe reduziert wurde, damit die Performer_innen besser gesehen werden.


RCA Theremin Model AR-1264, USA 1930: RCA Theremin Model AR-1264, USA 1930
RCA Theremin Model AR-1264, USA 1930
Multiprozessorsystem AKA 2000, Peter Mechtler, Institut für Elektroakustik der Hochschule (heute Universität) für Musik und darstellende Kunst in Wien, 1975–1985: Multiprozessorsystem AKA 2000, Peter Mechtler, Institut für Elektroakustik der Hochschule (heute Universität) für Musik und darstellende Kunst in Wien, 1975–1985
Multiprozessorsystem AKA 2000, Peter Mechtler, Institut für Elektroakustik der Hochschule (heute Universität) für Musik und darstellende Kunst in Wien, 1975–1985
Variophon, Realton, 1981: Variophon, Realton, 1981
Variophon, Realton, 1981
Auf ihrem legendären Album „Switched-On Bach“ (1969) spielte Wendy Carlos (1939 eine Reihe von Werken Johann Sebastian Bachs auf einem Moog-Synthesizer ein. Das Album führte die Billboard Classical Albums Charts von 1969 bis 1972 an. Bis Juni 1974 hatte es sich über eine Million Mal verkauft. Es wurde mit dem Grammy, zahlreichen weiteren Awards und 1986 als zweites klassisches Album mit Platin ausgezeichnet. „Switched on Bach“ stellt einen bedeutenden Meilenstein auf dem Weg des Synthesizers von der experimentellen und avantgardistischen Musikszene hin zur Popmusik und seiner breiten Musikerinnenschaft dar. Wendy Carlos schuf auch die Musik zu den Filmen des Regisseurs Stanley Kubrick „A Clockwork Orange“ und „The Shining“ und setzte mit diesen Werken zwei Leuchttürme in die Musikgeschichte. Seit 1972 lebt Wendy Carlos offiziell als Frau, veröffentlichte aber bis einschließlich 1979 unter dem Namen Walter Carlos.


Albumcover „Switched-On Bach“ (1969): Albumcover „Switched-On Bach“ (1969)
Albumcover „Switched-On Bach“ (1969)
In den 1950er-Jahren studierte die Komponistin Eliane Radigue (1932) in Paris. Sie arbeitete ab 1967 als Assistentin von Pierre Henry um sich danach aber ganz ihrem eigenen Komponieren zu widmen. Der analoge Synthesizer ARP 2500 wurde zu ihrem Hauptinstrument und prägte den Stil ihrer meditativen Kompositionen. 2006 gewann sie die goldene Nica des Prix Ars Electronica für ihr letztes elektroakustisches Stück „L´ile resonante“.

Eliane Radigue (* 1932): Eliane Radigue (* 1932)
Eliane Radigue (* 1932)
Daphne Oram (1925–2003) war eine Pionierin der elektronischen Musik und die Erfinderin von Oramics, einer Methode zur Klangsynthese durch Zeichnen von Wellenformen, Tonhöhen, Lautstärkehüllkurven und anderen Eigenschaften auf Film. Sie war auch als Schriftstellerin und Pädagogin tätig und setzte sich für die Anerkennung der elektronischen Musik als spannende und wertvolle Kunstform ein. Sie war Mitbegründerin des äußerst einflussreichen BBC Radiophonic Workshop und entwarf 1956 die Pläne für diese bahnbrechende Einrichtung für Elektronik und musikalische Experimente.

Daphne Oram (1925–2003): Daphne Oram (1925–2003)
Daphne Oram (1925–2003)
Beatriz Ferreyra (* 1937) arbeitete schon während ihres Kompositionsstudiums mit der Groupes des recherches musicales (GRM) in den Pariser Rundfunkstudios unter Pierre Schaeffers Leitung. Sie realisierte gemeinsam mit Simone Rist das „solfège de l’objet sonore“, die auf drei Langspielplatten veröffentlichte Hörschule zu Schaeffers theoretischem Hauptwerk „traité des objets musicaux“. Im Jahr 1975 wechselte Ferreyra an das Institut für elektroakustische Musik in Bourges. Zwischen 1998 und 1999 kreierte sie die experimentelle Konzertreihe „Les rendez-vous de la Musique concrète“ am Centre d’études et de Recherche Pierre Schaeffer in Montreuil, wobei die Kombinatorik von Klängen in ihren eigenen Werken eine besondere Rolle spielt. Alice Shields (* 1943) promovierte in Musikkomposition an der Columbia University, lehrte Musikpsychologie an der NYU und war stellvertretende Direktorin des Columbia-Princeton Electronic Music Center sowie Entwicklungsdirektorin des Columbia University Computer Music Center. Die Akkordeonistin und Komponistin Pauline Oliveros (1932–2016) war Mitbegründerin des San Francisco Tape Music Centers. Sie komponierte, erforschte Hörgewohnheiten und hielt weltweit Vorträge. Laurie Spiegel (* 1945) studierte in London klassische Gitarre und Komposition und an der Juilliard School of Music Renaissance- und Barocklaute. In den 1970er-Jahren zählte Spiegel zu den Pionierinnen der Computermusik in New York. Sie verwendete Algorithmen für ihre Kompositionen und entwickelte die Kompositionssoftware Music Mouse. Spiegels Umsetzung von Johannes Keplers „Harmonices Mundi“ (Music of the Spheres) ist der erste Titel des Abschnitts „Sound of Earth“ der Voyager Golden Records, die sich an Bord der 1977 im Rahmen des Voyager-Programms gestarteten Raumsonden befinden. Weitere Werke von Spiegel sind der Soundtrack zu „Trubute von Panem – The Hunger Games (2012)“ sowie die Kompostion „Sediment“ (1972). Den SEAMUS Award erhielt sie 2013.


Laurie Spiegel (* 1945): Laurie Spiegel (* 1945)
Laurie Spiegel (* 1945)
Suzanne Ciani (* 1946) ist Musikerin, Tongestalterin, Komponistin und Label Managerin. Sie war in den 1970er-Jahren mit neuartigen elektronischen Kompositionen und mit Soundeffekten für Filme und Fernsehwerbung erfolgreich und hat die Stimme und die Klänge für den bahnbrechenden „Xenon“-Flipper – dem ersten „sprechenden“ Flipper von Bally und den Pop-and-Pour-Sound von Coca-Cola kreiert. Ciani wurde zusammen mit anderen Synthesizer-Größen wie Bob Moog, Don Buchla und Dave Smith in die erste Klasse der Hall of Fame des Keyboard Magazine aufgenommen.
Es war in erster Linie diese Avantgarde der Komponistinnen und Komponisten, die die Weiterentwicklung der elektronischen Musik vorantrieben, neue Strömungen in die Musikgeschichte setzten und viele (elektro-)musikalische Möglichkeiten probierten, die später in die populäre Musik übernommen und für ihre Zwecke weiterentwickelt wurden.

Weiterführende Links:
Music Lounge im Technischen Museum Wien
Heroines of Sound
female:pressure
klingt.org sounds.weird
IMA Institut für Medienarchäologie